Kaleab Getaneh

Unternehmensperspektiven

“Invest for Jobs hat uns geholfen,
mehr Frauen und Mädchen zu erreichen”

Interview mit Kaleab Getaneh Zewelde, Mitgründer und CEO des äthiopischen Start-ups Mela for Her

Kaleab Getaneh (42) ist Experte für Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH) mit über 20 Jahren Erfahrung in diesem Bereich. Er ist Mitgründer des Sozialunternehmens Mela for Her, das in Äthiopien umweltfreundliche Damenbinden herstellt. Mela (መላ) bedeutet auf Amharisch „Lösung“. Das in Addis Abeba ansässige Unternehmen wird hauptsächlich von Frauen geführt: neben dem rein weiblich besetzten Beirat sind auch die übrigen Mitgründerinnen allesamt Frauen. Mela hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen und Mädchen in Äthopien mit wirksamen Menstruationsprodukten zu versorgen und durch deren Herstellung, sowie durch Aufklärung, Fürsprachearbeit und Forschung, die Menstruationsarmut zu bekämpfen. In unserem Interview erklärt Getaneh, welche Hürden er mit der Unterstützung durch Invest for Jobs erfolgreich meistern konnte – und warum der Mangel an Damenbinden die soziale und wirtschaftliche Teilhabe von Frauen gravierend behindern kann.

1. Warum haben Sie sich für eine Zusammenarbeit mit Invest for Jobs entschieden?

Als wir von Invest for Jobs hörten, herrschte vor Ort und weltweit große Ungewissheit und wir hatten denkbar ungünstige Rahmenbedingungen für die Umsetzung unseres Businessplans: Die Gründung unseres Unternehmens fiel 2020 mitten in die Corona-Pandemie, sodass wir uns nicht nur einer schwachen Konjunktur, sondern auch eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten gegenübersahen. In dieser Zeit stellten viele Firmen den Betrieb ein und kürzten Stellen. Wir hingegen wollten unser Unternehmen vergrößern, um dem enormen Bedarf und den Bedürfnissen der 25 Millionen Frauen und Mädchen in Äthiopien gerecht zu werden, die keinen Zugang zu Menstruationsprodukten haben – der weibliche Zyklus nimmt schließlich keine Rücksicht darauf, ob gerade eine Pandemie herrscht. Invest for Jobs hat uns dabei unterstützt, unsere Expansionspläne ambitionierter umzusetzen und gleichzeitig umweltfreundliche und faire Arbeitsplätze für Frauen in der Damenhygiene-Branche zu schaffen.

2. Wie hat die Zusammenarbeit zum Wachstum Ihres Unternehmens beigetragen?

Am Anfang hatten wir nur eine kleine Werkstatt und unserem Personal fehlte es an Know-how. Mithilfe von Invest for Jobs wurden unsere Mitarbeitenden durch Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)⁠ GmbH geschult, sodass wir ein adäquates Qualitätsmanagement-System im Rahmen der Allianz für Produktqualität in Afrika einführen konnten. Diese umfasst eine Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), die mit Qualitätsinfrastruktur befasst sind. So werden wir in Kürze in der Lage sein, sämtliche der für unsere Produkte geltenden ISO-Normen und nationalen Vorschriften zu erfüllen. Schon für sich genommen sind diese Schulungen enorm wertvoll, da sie für ein kleines Unternehmen wie uns ansonsten unerschwinglich wären. Außerdem konnten wir durch die Unterstützung von Invest for Jobs Teile unserer Fertigung auslagern und so unser Wachstum beschleunigen, weil wir nun flexibler auf die Nachfrage reagieren können. Zudem konnten wir mehr Mitarbeitende schulen und mehr umweltfreundliche Arbeitsplätze bei unseren Partnerunternehmen schaffen. Zusammen mit Invest for Jobs wollen wir in unserem Unternehmen und bei unseren Outsourcing-Partnern insgesamt 130 umweltfreundliche Arbeitsplätze schaffen.

2022 konnten wir unsere monatliche Produktionsleistung um das Siebenfache steigern. In fünf Jahren wollen wir eine Million Mehrwegbinden pro Monat herstellen und in Nachbarländer wie Südsudan, Somalia und Sudan exportieren. Unsere Marke wird in weiten Teilen Äthiopiens immer beliebter – ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass Mela for Her erst 2020 gegründet wurde.

3. Welche Schwierigkeiten beobachten Sie in Äthiopien in Sachen Monatshygiene?

In Äthiopien haben nur 25 Prozent der Frauen und Mädchen Zugang zu Menstruationsprodukten. Auf dem Land, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben, ist die Versorgung noch schlechter. Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass rund die Hälfte der weiblichen Jugendlichen nie über Menstruationshygiene aufgeklärt wurde. Aufgrund der Tabuisierung der weiblichen Menstruation sind⁠ die Mädchen in der Schule häufig Hänseleien durch ihre männlichen Mitschüler ausgesetzt. Deshalb verpassen sie mehrere Unterrichtstage pro Monat, weil sie während der Periode – und aufgrund deren mangelnder Berechenbarkeit schon einige Tage zuvor – oft nicht zur Schule gehen. Eine von uns durchgeführte Untersuchung in der Region Somali hat ergeben, dass 68 Prozent der Mädchen während ihrer Periode mindestens einen Unterrichtstag verpassen. Diese Situation bereitet den Mädchen Stress und hat dadurch auch enorme psychische Auswirkungen. Auch im Berufsleben kommt es oft zu Arbeitsausfällen. Neben den sozialen und gesundheitlichen Risiken schränkt es die Frauen dadurch auch in ihrer ökonomischen Teilhabe und bei der Verwirklichung ihrer Träume ein.

Mela for Her
© GIZ // Eindruck vom praktischen Training

4. Wie gehen Sie diese Probleme mit Ihrer Arbeit an?

Als Sozialunternehmen bieten wir mit unseren umweltfreundlichen und erschwinglichen Monatsbinden nicht nur ein einzigartiges Produkt, sondern engagieren uns auch in der Aufklärungs- und Fürsprachearbeit. Unserer Ansicht nach verlangt die Bekämpfung der Menstruationsarmut einen integrierten und ganzheitlichen Ansatz. Unsere Produkte sehen nicht nur ansprechend aus, sondern sind auch diskret, waschbar und halten mindestens anderthalb Jahre – unsere hochwertigsten Modelle können sogar bis zu vier Jahre lang wiederverwendet werden. Außerdem arbeiten wir derzeit an der Entwicklung neuer Menstruationsprodukte aus Stoffresten und Recyclingstoffen, die in Kürze auf den Markt kommen. Des Weiteren erstellen wir auch Aufklärungsmaterialien. Unserem Produktset legen wir zum Beispiel einen Menstruationskalender und eine fünfsprachige Broschüre mit den wichtigsten Informationen zur Monatshygiene bei. Durch die Rückmeldungen unserer Kundinnen wissen wir, dass der Kalender allein für sich genommen schon eine enorme Hilfe ist. In anderen Ländern gibt es dafür entsprechende Apps, doch da die Frauen und Mädchen auf dem Land in Äthiopien oft kein Smartphone zur Verfügung haben, haben wir uns für einen Menstruationskalender in Papierform entschieden.

Mit der Unterstützung von Invest for Jobs schulen wir freie Vertriebsmitarbeiterinnen in Monatshygiene und Social Marketing. Zusätzlich zu ihrem neuen Wissen erhalten die Frauen als Startkapital für ihr Kleingewerbe ein Kontingent an Monatsbinden. Diese können sie dann vor Ort verkaufen und dabei andere⁠ Frauen über die hygienischen und gesundheitlichen Aspekte der Menstruation aufklären.

Zusätzlich beliefern wir viele Nichtregierungsorganisationen mit unseren Produkten, die diese im Rahmen ihrer humanitären Maßnahmen in Äthiopien – z. B. für Binnenvertriebene, die vor Konflikten oder Dürren geflohen sind – an Frauen und Mädchen verteilen.

Mela for Her Produktion
© GIZ

5. Wie muss man sich Ihre Fürsprachearbeit vorstellen?

Wir sind Mitglied in einem nationalen Fachausschuss des Gesundheitsministeriums für Hygienemanagement. Dort versuchen wir, Einfluss auf Entscheidungsträger zu nehmen und haben uns zum Beispiel erfolgreich für eine Senkung der Abgaben auf Menstruationsprodukte eingesetzt: 2021 wurden die Zölle auf die von uns benötigten Rohstoffe abgeschafft und die Zölle auf verschiedene importierte Produkte gesenkt. Außerdem arbeiten wir an einem Buch, mit dem Eltern ihre Töchter über das Thema aufklären können und mit dem wir Familien und die Gesellschaft dafür sensibilisieren und Tabus brechen wollen. Wir wollen erreichen, dass die Menstruation als ein normaler Teil des Lebens begriffen wird.

6. Wie vertreiben Sie Ihre Produkte neben dem Direktverkauf an Einzelkundinnen noch?

Seit zwei, drei Jahren schwelt im Norden Äthiopiens ein Konflikt, der viele Menschen zur Flucht gezwungen hat. Ein großer Teil unserer Produktion ging deshalb an Hilfsorganisationen, die im Rahmen ihrer humanitären Maßnahmen Binden verteilt haben. Grundsätzlich möchten wir jedoch verschiedene Vertriebskanäle bespielen, insbesondere Solidargemeinschaften, Apotheken, Unternehmen mit weiblicher Belegschaft und perspektivisch Kioske. Für den Vertrieb über zwei Solidargemeinschaften – eine davon in reiner Frauenhand – läuft bereits ein Pilotprojekt. Darüber hinaus arbeiten wir mit der Firma Sher Ethiopia zusammen, welche die größte Blumenplantage Äthiopiens betreibt und unser Produkt ihren rund 10.000 weiblichen Mitarbeiterinnen zu vergünstigten Konditionen anbieten möchte. Sher Ethiopia möchte mit uns zusammenarbeiten, weil wegen des mangelnden Zugangs zu Menstruationsprodukten große Teile des zumeist weiblichen Personals dort mehrere Tage pro Monat ganz ausfallen oder nicht ihre volle Leistung erbringen können. Die Stärkung der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen wird daher auch große Auswirkungen auf die äthiopische Wirtschaft haben.

7. Wie reagieren die Leute, wenn Sie als Mann mit ihnen über Monatshygiene sprechen wollen?

Manche reagieren schockiert. Wenn ich im Büro ans Telefon gehe oder Besuchern die Tür öffne, begegnen mir oft Erstaunen und überraschte Gesichter. Aber da ich seit vielen Jahren im Entwicklungsbereich arbeite und mit den Themen Wasser und Sanitärversorgung befasst bin, war ich auf solche Herausforderungen vorbereitet. Ich freue mich, wenn ich mit Tabus und Klischees brechen und zu dieser tollen und weitreichenden Initiative beitragen kann, die das Leben vieler Frauen und Mädchen verändert. Darüber hinaus ist Mela for Her ohnehin weitestgehend in Frauenhand: Unsere Belegschaft ist zu 85 Prozent weiblich, wobei der Frauenanteil in der Fertigung und im Marketing am höchsten ist. Auch drei der MELA-Gründerinnen sind Frauen aus unterschiedlichsten Berufen – eine unserer Mitgründerinnen ist zum Beispiel Modedesignerin. Das große Engagement und die heterogene Zusammensetzung unseres Teams sind ein großer Vorteil und ausschlaggebend für unseren Erfolg, da bei Mela jede und jeder unterschiedliches Know-how mit- und einbringt.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH unterstützt Mela for Her im Rahmen der Sonderinitiative „Gute Beschäftigung für sozial gerechten Wandel“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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